 |

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag


Fotogalerie
|
Debattieren

Präsidium

Debatte

Schlussdokument

Programm 
Tagebuch 
Schlaglichter
|
Mittwoch, 9. April 2003
Plenardebatte des Europakonvents
Zwei Stunden nach Beginn der Plenardebatte über das Schlusspapier
des Europakonvents hatte wohl kaum ein Teilnehmer mehr daran geglaubt,
dass sie sich bis zum Abend würden einigen können.
Aber wie dichtete einst der Busch namens Willhelm so schön: Erstens
kommt es anders und zweitens als man denkt! Und so ist es dem harten
Ringen des Präsidiums mit dem Plenum einerseits und auch den vielen
engagierten Antragstellern und Diskutanten im Plenum andererseits zu
danken, dass mit viel Zähneknirschen und ein wenig Bauchweh der
Abstimmungsvorgang bis zur Verabschiedung durchgepeitscht werden konnte.
Vom Europakonvent junger Bürgerinnen und Bürger geht damit
das wichtige Signal aus, dass man sich auch unter schwierigen Umständen
auf Kompromisse zwischen Menschen mit verschiedenen Charakteren und
Nationalität zu einigen vermag. Ein Votum für ein geeintes
Europa.
Die
Probleme aber, mit denen sich die Teilnehmer bis zum Ergebnis quälten,
ließen Beobachter zuweilen die Hände über dem Kopf zusammen
schlagen. So drohte ein Scheitern unter anderem deswegen, weil erst
nach einiger Zeit genug Kopien der als Abstimmungsgrundlage dienenden
Beschlussvorlage zur Verfügung standen. Auch rein technische Probleme
mit dem Videobeamer standen einer zügigen Besprechung der eingereichten
Anträge im Weg. Beständig herrschte Zeitdruck, der Kampf gegen
die Uhr.
Als die Schwierigkeiten die Debatte zu verdrängen drohten, mehrten
sich Unruhen im Plenum: Es kam zu Diskussionen zu Verfahrensregeln und
auch darüber, ob nicht die vermeintlich "wichtigeren"
Teile des Papiers vorgezogen werden sollten.
Mit
ihrem Präsidium hatten die Teilnehmer des Europakonvents allerdings
eine gute Wahl getroffen. Trotz des enormen Zeitdrucks entschied es
sich für eine lange und fruchtbare Sitzungspause. In aller Kürze
konnten so Regelungen gefunden werden, die den Abstimmungsvorgang sinnvoll
bündelten und verkürzten. Endlich wurde auch dem Plenum die
Geschäftsordnung klar und kehrte so von den Nebenkriegsschauplätzen
zum Wesentlichen zurück. Plötzlich ergaben sich auch einige
inhaltliche Debatten über wichtige Punkte der Änderungsanträge.
Na also.
Die Debatte machte von nun an Spaß. Kurze Pausen in der Abstimmung
wurden genutzt, um Änderungsanträge zu formulieren und ad-hoc
Koalitionen zu bilden. In einer kurzen Rede galt es für viele Teilnehmer,
das Plenum von der eigenen Position zu überzeugen. Der persönliche
Eindruck und die Schlüssigkeit der Argumentation schienen oft ausschlaggebender
für das Abstimmungsergebnis zu sein, als der Antrag selbst. Überraschend
war, mit welcher Brillanz hier zuweilen aus dem Stegreif eine Gegenrede
den Änderungsantrag vom Tisch zu fegen vermochte. Hier schienen
einige wirklich in ihrem Element angekommen zu sein.
Andere konnten sich mit ihren Positionen oft nicht im Plenum durchsetzen.
Zum Beispiel die Änderungsanträge einer eher linken Gruppe
im Plenum, die versuchte, im Ergebnispapier die Forderung nach einem
einheitliches Sozialsystem für die gesamte Union unterzubringen.
Auch eine ökologische Forderung, die Kosten für Belastungen
den Verursachern aufzuhalsen, fand keine Mehrheit.
Es
war oft verwunderlich wie "realpolitisch" im Plenum argumentiert
wurde. Häufig wurden Positionen als "in naher Zukunft nicht
realisierbar" abgelehnt, eine Haltung, die für Jugendveranstaltung
zuweilen etwas seltsam anmutete. So wurde auch eine Erweiterung der
Union auf ein Gebiet über die geografischen Grenzen Europas hinaus
abgelehnt und dafür plädiert, die Nichtaufnahme einer Reihe
von Staaten verfassungsrechtlich auszuschließen.
Es hätte wohl mehr Zeit gebraucht, um all die aufgeworfenen Fragen
"abschließend" zu erörtern. Dem Eindruck nach hat
dies aber nicht nur zu Frustration beigetragen. Denn obwohl sich hier
und da Teilnehmer des Konvents mehr und mehr aus der Debatte zurückgezogen
haben, wurde das Abschlusspapier des Konvents von fast zwei Dritteln
der im Plenum Anwesenden angenommen. Bedacht, dass dieses Ergebnis in
nur drei Tagen und Nächten erreicht wurde, stimmt es doch sehr
positiv. Die Zukunft, in der weiter an der Einigung der Europäischen
Staaten und ihrer Völker gearbeitet werden kann, ist noch lang.
Und sie liegt vor uns!
Adrian Gabriel
|