Stellungnahme des Europakonvents 2004
zu Fragen europäischer Politik
Vom 20. 23. Mai 2004 haben wir, etwa 35 junge Europäerinnen
und Europäer aus verschiedenen Ländern, uns intensiv mit drei
derzeit in Europa besonders bedeutsamen Problemfeldern auseinandergesetzt.
Die folgende Stellungnahme bringt unsere gemeinsamen Auffassungen zum
Ausdruck. Sie wurde nach intensiver Beratung mit einer Gegenstimme bei
einer Enthaltung verabschiedet.
Die Stellungnahme als Download
I. Die EU-Verfassung
Die verschiedenen Aspekte der Verfassung wurden von uns u. a. anhand
der Kriterien bewertet, die dem Konvent vom Europäischen Rat mitgegeben
wurden: Effizienz, Transparenz und Demokratie.
Konvent Prozess des Verfassungsentwurfs. Der Konvent
hat bei dem Entwurf eines Verfassungvertrags effizient gearbeitet. In
angemessener Zeit wurde ein fortschrittlicher, konsensfähiger Vorschlag
erarbeitet.
Das Verfahren zeichnete sich durch Transparenz und Berichterstattung
in den Medien aus. Potentiell hatte jeder EU-Bürger die Möglichkeit,
über die Arbeit des Konvents informiert zu sein. Dies ist eine
Verbesserung gegenüber dem hinter verschlossenen Türen tagenden
Europäischen Rat.
Die Auswahl der Delegierten aus den demokratisch legitimierten Gremien
der einzelnen Staaten führte zu einem hohen Maß an Fachwissen
im Konvent.
Wir stellen fest, dass die Konventsmethode für die nächsten
Reformschritte der EU wieder zu empfehlen ist.
Verfassungsvertrag im Europäischen Rat und Ratifizierung.
Nach dem vorläufigen Scheitern sollte die Verabschiedung des Verfassungsvertrages
im Europäischen Rat nicht von Erpressungsversuchen geprägt
sein. Gegenüber Akteuren, die solches versuchen, sollte auf die
Möglichkeit eines Austritts hingewiesen werden.
Wir drängen jedoch darauf, den Verfassungsvertrag so zu gestalten,
dass möglichst alle Staaten der EU die Verfassung akzeptieren und
ratifizieren können. Ein gesamteuropäisches Referendum schließen
wir bei unseren Überlegungen aus.
Sollte die Ratifizierung in einem Staat scheitern, kann die Möglichkeit
von zeitlich begrenzten Ausnahmeregelungen für dieses Land als
nachrangige Möglichkeit im Interesse des Inkrafttretens der Verfassung
in Erwägung gezogen werden.
Rechtlicher Status der Verfassung. Die zukünftige Verfassung
findet unsere Zustimmung als höchstes europäisches Recht.
Die EU-Verfassung hat Vorrang vor nationalen Verfassungen und nationalem
Recht.
Entscheidungsverfahren in einer europäischen Union mit Verfassung.
Einstimmigkeit in vielen Bereichen zehrt nach wie vor an der Entscheidungsfähigkeit
der Union. Wir begrüßen deshalb eine Ausweitung der Bereiche,
die mit Mehrheit entschieden werden. Es darf bei der Entscheidung über
die Mehrheitsgrenzen nicht um die möglichst einfache Bildung von
Verhinderungsmehrheiten gehen. In diesem Bereich verweisen wir ausdrücklich
auf die Möglichkeit der konstruktiven Enthaltung.
Verfahren der Verfassungsänderung. Für Verfassungsänderungen
unterstützen wir das vorgeschlagene Verfahren unter Einbeziehung
der Konventsmethode. Für Bereiche, die momentan noch mit Einstimmigkeit
entschieden werden müssen, schlagen wir die Möglichkeit vor,
diese per einstimmigem Votum des Europäischen Rates in das Verfahren
der Mehrheitsentscheidung zu überführen.
Das Europäische Parlament. Die einzige vom Bürger
direkt gewählte Institution soll über mehr Einfluss in den
Entscheidungsprozessen der EU verfügen. Als wichtigster Punkt erscheint
uns dabei die Festschreibung des unmittelbaren Gesetzesinitiativrechts
des Parlaments in der Verfassung.
II. Europäische Nachbarschaftspolitik
Am ersten Mai 2004 hat die Europäische Union eine neue Gestalt
angenommen. Mit dieser Erweiterung sind neue Staaten direkte Nachbarn
der Europäischen Union geworden. Das betrachten wir sowohl als
große Chance, als auch als wichtige Herausforderung.
Es gilt für die Europäische Union neue Strategien bezüglich
ihrer Nachbarn zu entwickeln. Im Rahmen dieser Nachbarschaftsstrategien
soll die Europäische Union insbesondere zur Stärkung der Zivilgesellschaft
beitragen und somit das Demokratieverständnis stärken.
Wir wollen unterstreichen, dass für jede weitere Erweiterungsrunde
die geltenden Beitrittskriterien ohne Einschränkung Anwendung finden
müssen.
Westlicher Balkan (Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien,
Mazedonien, Serbien und Montenegro mit Kosovo). Wie in Thessaloniki
2003 postuliert, sehen auch wir die Zukunft des West-Balkans in der
EU. Dabei erwarten wir eine Dynamisierung des Stabilisierungs- und Assoziierungsprozesses.
Aufgrund der regionalspezifischen Probleme fordern wir ein verstärktes
Engagement der EU, v.a. bei der Ausbildung junger Führungskräfte
durch Schüler- und Studentenaustausch sowie Stipendienprogramme.
Im bereits bestehenden Integrationsprozess ist es wünschenswert,
dass die einzelnen Länder der Region verstärkt miteinander
kooperieren.
Türkei. Wir stehen einer langfristigen Aufnahme der Türkei
in die EU positiv gegenüber. Dadurch wird die bestehende Reformbereitschaft
der Türkei weiter angeregt. Wir erhoffen uns vom Beitritt der Türkei
eine stabilisierende Wirkung auf die Länder des Nahen Ostens. Darüber
hinaus wahrt die Einhaltung getroffener Zusagen die Berechenbarkeit
und Zuverlässigkeit europäischer Außenpolitik und erhöht
damit wesentlich die Akzeptanz der EU als außenpolitischer Partner.
Belarus, Ukraine, Moldova, Russland. Im Interesse der Europäischen
Union sind partnerschaftliche Beziehungen mit Belarus, Ukraine, Moldova,
Russland (mit Sonderstatus des Gebietes Kaliningrad) anzustreben. Wir
begrüßen und unterstützen die demokratischen Entwicklungen
in der Region und streben eine Annäherung dieser Länder an
europäische Standards an. Mit Sorge betrachten wir die Entwicklung
in Belarus und plädieren für den Aufbau einer Zivilgesellschaft
und demokratischer Strukturen. Wir fordern die Verurteilung jedweder
antidemokratischer Handlungen seitens der Machthaber.
Kaukasus, Nahost, Nordafrika. Für die einzelnen Staaten
in diesen Regionen fordern wir eine individuell gestaltete Kooperation
ohne längerfristige Beitrittsperspektiven. Die bisherige Erfahrung
zeigt, dass die Zusammenarbeit auf lokaler Ebene eine Grundlage für
einen Demokratisierungsprozess in diesen Ländern bietet.
III. Europa in der Welt
Als Grundlage unserer Überlegungen setzen wir eine zukünftige
gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik voraus, welche von einem
"europäischen Außenminister" geleitet wird. Europa
soll mit einer Stimme sprechen!
Europa und Asien. Aufgrund neu aufkommender Wirtschaftsmächte,
wie China und Indien, gehen wir davon aus, dass es voraussichtlich zu
einem wirtschaftlichen Bedeutungsverlust der EU kommen wird. Dies muss
aber auch als Herausforderung erkannt werden, die Kooperation mit den
betreffenden Regionen zu intensivieren.
Transatlantische Beziehungen. Wir wollen vermeiden, dass anti-amerikanische
Ressentiments die transatlantischen Beziehungen der EU bestimmen. Die
USA sollen auch in Zukunft ein wichtiger wirtschaftlicher und militärischer
Kooperationspartner bleiben. Die EU strebt keine militärische Parität
mit den USA an, sollte jedoch in sie direkt betreffenden Konflikten
auch selbstständig handlungsfähig sein und ihren militärischen
Apparat dementsprechend anpassen. Der Aufbau gemeinsamer Streitkräfte
unter einem einheitlichen Oberbefehl erscheint in diesem Zusammenhang
als unerlässlich.
Naher Osten. Darüber hinaus wünschen wie uns eine
unparteiische und aktivere Vermittlerrolle der EU im Nahostkonflikt,
um eine Stabilisierung der Region zu gewährleisten. Damit soll
unter anderem dem Terrorismus ein Teil seines Nährbodens entzogen
werden.
Das Verhältnis der EU zu den internationalen Organisationen.
Die EU soll sich ihrer Vorbildfunktion als supranationale Organisation
bewußt sein. Zur Lösung globaler Probleme fördert sie
die Errichtung und Weiterentwicklung internationaler Organisationen.
Diese werden mit Befugnissen ausgestattet, die es ihnen erlauben, internationale
Verträge und Regelwerke zu überwachen und durchzusetzen. Darüber
hinaus sollten sie transparenter sein und weniger bürokratisch
arbeiten.
EU und nachhaltige Entwicklung. Wir betrachten die gezielte
Armutsbekämpfung mittels Entwicklungshilfe als zentrales Instrument
bei der Befriedung von Krisenherden und zur Verhinderung internationalen
Terrors.
Der bisher bestehenden Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen,
die vornehmlich aus der arabischen Welt stammen, sollte durch verstärkte
Unterstützung des alternativen Energiesektors entgegengewirkt werden.
Dem Problem der Überalterung Europas soll durch eine bewusste Zuwanderungspolitik
begegnet werden. Wir setzen uns für eine europäische Greencard
nach amerikanischem Vorbild ein.
Letztendlich ist Europa nur dann ein glaubwürdiger Akteur in der
Welt, wenn es die Werte, die es nach außen vertritt, auch im Inneren
lebt.
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